Das sind nur 15 Minuten pro Woche!

Viele kleine, vermeintlich tolle,  neue Gewohnheiten kommen mit dem Versprechen: Das sind nur 15 Minuten pro Woche bzw. wenige Minuten am Tag. Warum sind diese Versprechungen so verlockend und warum solltest du zweimal überlegen, bevor dieses Kleinvieh mit seinem Mist deinen Kalender füllen darf? Darüber sprechen wir in der aktuellen Folge: „Das sind doch nur 15 Minuten pro Woche“.

Das sind nur 15 Minuten pro Woche

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Folgendes Gespräch hat mich zu diesem Beitrag motiviert: Wir waren bei Freunden zu Besuch, deren Eltern sich einen Pool gebaut haben. Der Sommer stand unmittelbar vor der Tür und natürlich hat uns der Gedanke, dann täglich nach der Arbeit in den Pool zu springen, auch gefallen. Daher habe ich gefragt: „Macht das nicht viel Arbeit?“ Die Antwort: „Nein, das sind nur 15 Minuten Arbeit pro Woche“. Klingt erstmal gut. 15 Minuten Arbeit pro Woche und ich kann einen Pool betreiben. Ein guter Deal, oder? Mal abgesehen davon, dass er natürlich zuerst gebaut und finanziert werden muss.

Hüte dich vor wenig Zeitaufwand

Sei vorsichtig bei Aussagen der Form “Das ist nur eine Viertelstunde Arbeit pro Woche” oder “…nur wenige Minuten am Tag”. Was passiert, wenn man so etwas hört? Man denkt nicht nach, ob man wirklich die Zeit dafür hat, sondern entscheidet unüberlegt. Ein paar Minuten Zeit pro Woche oder pro Tag, die hat doch schließlich jeder!? Das lese ich vor allem ganz oft im Zusammenhang mit irgendwelchen Fitness- oder Gesundheitsempfehlungen. Man kann kurzfristig entgegenhalten, mit den richtigen Prioritäten würde das schon passen. Mag im Einzelfall richtig sein. Dann solltest du aber auch sorgfältige Überlegungen zu deinen Prioritäten anstellen, und nicht auf die folgenden beiden Mechanismen reinfallen:

  1. Von kleinen Zeitaufwänden wird nicht wirklich geprüft, ob sie in den Kalender passen.
  2. Zeitaufwände in der Zukunft werden abgewertet.

Wenn du gefragt wirst „Kannst du nächste Woche mal einen ganzen Tag für dieses und jenes opfern?„, dann wirst du zuerst in den Kalender schauen. Wenn dich aber jemand fragt “Hast du nächste Woche mal eine Viertelstunde Zeit?” dann wirst du vermutlich gar nicht erst in den Kalender schauen, sondern direkt zusagen.

Zeitaufwände und Marshmallows in der Zukunft werden abgewertet

Der zweite Effekt entsteht dadurch, dass wir Zukünftiges abwerten. Gewinne in der Zukunft erscheinen uns weniger wert als Gewinne, die wir unmittelbar bekommen können. In der Volkswirtschaft nennt sich das Zeitpräferenz (siehe Wikipedia). Nehmen wir an, du könntest heute eine Sache für 10 Euro kaufen und du hättest sie auch gerne heute. Nun wird dir angeboten, eine Woche zu warten und einen günstigeren Preis zu erhalten. Wie viel niedriger muss der Preis sein damit du eine Woche wartest? Das kommt wahrscheinlich darauf an, was es ist, wie hoch die Investition ist und wie sehr du dafür sparen müsstest. Konkret bei 10 Euro wirst du vermutlich keine Woche warten, um es für 9 Euro kaufen zu können. Wie sieht es aber bei einer Ersparnis von 3 oder 4 Euro aus?

Dazu passt der berühmte Marshmallow-Test. Man hat Kindern einen kleinen Teller mit einem Marshmallow hingestellt und angeboten, sie dürfen ihn direkt essen. Würden sie jedoch warten, bis der Versuchsleiter gleich zurück ist, dann bekämen sie zwei Marshmallows. Es gab verschiedene Varianten, welche Belohnung man den Kindern versprochen hat, ob man ihnen gesagt hat, wie lange man den Raum verlassen würde usw., die dafür gesorgt haben, dass unterschiedlich viele Kinder gewartet haben oder nicht. Oft war der Marshmallow jetzt viel mehr wert als zwei Marshmallows später.

Erwachsene sollten das Problem kennen: Thema Investitionen. Einen Euro, den ich heute ausgeben kann, gegenüber 2 Euro, die ich in 30 Jahren habe, wenn ich diesen Euro heute investiere. Unabhängig von der Inflation ist nicht jeder Erwachsene gewillt, einen Belohnungsaufschub hinzunehmen.

Was sind 15 Minuten nächste Woche wert?

Wenn ich dich heute nach einer Stunde deiner Zeit frage, wirst du es vermutlich als eine Stunde betrachten. Wenn ich dich jedoch heute für nächste Woche nach einer Stunde frage, wirst du sie vermutlich unterbewusst auf ca. 40-50 Minuten diskontieren. Dadurch ist es viel wahrscheinlicher eine Zusage von dir zu erhalten.

Das ist eine Diskontierung, also eine Abwertung, zukünftiger Ereignisse. Also sagst du  zu. Das gilt für den Umzug, die Renovierhilfe, irgendwelche Tagungen für die du einen Vortrag zusagst usw. Natürlich darfst du gerne Freunden helfen, kenne aber auch die Mechanismen, die über pure Hilfsbereitschaft hinaus gerade wirken. 

Diese unzähligen kleinen Verbindlichkeiten rauben dir in Summe sehr viel Zeit. Geh‘ doch einfach mal im Geiste deine Aktivitäten von heute, dieser oder nächster Woche durch. Wie viel davon fällt in diese Kategorie?

Das bedeutet jetzt im Umkehrschluss: Bei jedem Zugeständnis, das du gibst, solltest du zwei Prüfungen machen

  1. Sagst du nur zu, weil es dir kurz vorkommt? Falls ja, so werfe vorher einen Blick auf deinen Kalender und Todo-List.
  2. Sagst du nur zu, weil es in der Zukunft liegt? Falls ja, so stelle dir vor, der Termin wäre schon in wenigen Tagen und triff dann deine Entscheidung.

Diesen Blogbeitrag zu lesen hat dich ungefähr 10 Minuten deiner Zeit gekostet. Wie sieht’s aus: Liest du nächste Woche den nächsten Beitrag?

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2 Gedanken zu „Das sind nur 15 Minuten pro Woche!“

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